Dativ statt Krieg

Es sind die letzten Tage der Sommerferien. Während andere Jugendliche aus dem Kiez im Freibad vom Fünfer springen, im Gesundbrunnencenter Klamotten anprobieren, oder einfach noch ausschlafen, sitzen im Medienhof elf junge Männer über ihren Arbeitsblättern und grübeln: „Wem gibt Manfred ein Geschenk? Der oder den Tante?“

Seit drei Tagen kommen sie nun schon jeden Morgen zum Medienhof, um vormittags mit Herbert ihr Deutsch zu verbessern. Nach einem gemeinsamen Mittagessen stehen dann ein Theaterworkshop oder Ausflüge auf dem Programm.  Die Jugendlichen kommen aus Afghanistan und dem Irak, viele von ihnen sind ohne ihre Familie nach Deutschland geflüchtet. Sie fahren aus allen Ecken Berlins zum Medienhof, trotzdem wirkt es, als würden sie sich schon länger kennen. Zu viel verbindet sie miteinander: Sie alle haben Krieg gesehen, mussten früh eigene Verantwortung übernehmen und in einem völlig fremden Land von vorne beginnen. Den meisten von ihnen droht die Abschiebung. Es ist Deutsch lernen unter erschwerten Bedingungen.

Nicht Alle, die am ersten Tag des Kurses dabei waren, sind wiedergekommen. „Die haben keine Lust“, sagt einer. Diejenigen, die heute noch da sind aber kämpfen: Manche können schlecht lesen, sie zeigen dann auf ein Wort und Herbert liest es vor. „Fliesenleger“ steht da, „Dachdecker“, oder „Programmierer“. Herbert erklärt, dass diese Berufe in Deutschland dringend gebraucht werden, und dass man dafür eine dreijährige Ausbildung braucht. Für die jungen Männer ist das neu: Viele haben schon in jungen Jahren in Afghanistan auf dem Bau oder in Werkstätten gearbeitet. Für Bildung ist keine Zeit gewesen: Einige sind nur drei Jahre in die Schule gegangen, bis die Familie die finanzielle Unterstützung ihrer Söhne brauchte.

Der Geruch von Carstens selbst gekochten Eintopf läutet die Mittagspause ein. Ursprünglich hatte er vor jeden Tag zu kochen, aber Mostafa und Hamed haben eine andere Idee: „Wir kochen morgen afghanisches Essen für euch!“ Und schon sitzen sie mit Carsten am Tisch und schreiben eine Einkaufsliste. Während wir essen nutze ich die Zeit, um nachzufragen: Wo sind ihre Familien heute? Im Iran und der Türkei ist die häufigste Antwort, aber es gibt auch welche, die ihre Familien auf der Flucht aus den Augen verloren haben, oder deren Eltern im Krieg verstorben sind. Ich muss schlucken. Obwohl die Jungs mich dauernd siezen, bin ich kaum älter als sie. Wir sind eine Generation, das merke ich spätestens, als sie ihre Handys rausholen und sich gegenseitig nach ihren Instagram Accounts fragen. Es geht um die liebsten Fußballspieler und in welchem Verein sie selbst spielen. Wenn man mit Geflüchteten quatscht ist es oft so: Das Gespräch kann in einigen Sekunden von banal auf todernst wechseln. Während die Anderen sich beim Fußball austoben, fragen Musaffer und Meysam mich über mein Politikstudium aus. Wie ist das eigentlich mit dem Militär in Deutschland? Sie hätten in Afghanistan auch deutsche Soldaten gesehen. Ich erzähle, dass die Wehrpflicht abgeschafft wurde, und man nach der Schule entscheiden kann, ob man den Militärdienst antritt. Meysam lacht: In Afghanistan kann man auch wählen, sagt er, aber nur zwischen offizieller Armee und Taliban.

Nach der Pause beginnt der Theaterworkshop mit Shvan und Birte. Wir starten mit einer Aufwärmung: Jeder sucht sich still einen Verfolger und einen Beschützer. Das sind zwar schwieriger Wörter, aber das Prinzip verstehen die Jungs schnell: Kreuz und quer rennen sie durcheinander, jeder im Versuch, seinen Beschützer zwischen sich und den Verfolger zu bringen. Ich merke schnell, dass einige unsicher sind: Sie trauen sich nicht richtig, Birte und mich beim Spiel anzufassen. Die Verwirrung ist vielen ins Gesicht geschrieben: Dürfen sie uns nun am Arm, aber nicht an der Hüfte berühren? Wohin darf ich eigentlich gucken? Das Theater hilft, Grenzen spielerisch ausfindig zu machen. Zwei Tage später werden wir Belästigungssituationen in der U-Bahn improvisieren und die Differenz zum Flirt aufzeigen. Einige der Jungs werden ihr Gesicht noch vor Scham in den Händen vergraben, aber sie werden alle erzählen: Wie es war, als am Alexanderplatz ein Mädchen von anderen Flüchtlingen belästigt wurde. Wie schwer es für die Schwester ist, im Wohnheim zwischen Männern zu leben.

Aber auch ihre eigenen Diskriminierungserfahrungen kommen zur Sprache: Grölende Nazis, voreingenommene Polizisten, eine Beamtin, die den Papierausweis auslachte und drohte ihn zu zerreißen. Jeder hat eine Geschichte zu erzählen. Auch hier fehlt vielen das nötige Wissen, um die Situationen richtig einzuordnen: Darf man das eigentlich in Deutschland? Shvan versucht erneut in Szenen zu veranschaulichen: Er spielt einen Polizisten, der im vollen Zugabteil nur einen einzigen Passagier nach dem Pass fragt. „Warum habe ich das gemacht?“ fragt Shvan in die Runde. „Weil er schwarze Haare hat!“, ruft Hamed. Alle lachen verlegen. Das Problem ist bekannt.

In der letzten Übung werden große Fotos auf einen Tisch in der Mitte gelegt. Die Jungs sollen sich schweigend für drei Bilder entscheiden: Eins, welches sie gut finden, eines halb gut und eines schlecht. Die Bilder bieten ordentlich Diskussionsstoff: Zwei sich küssende Männer, eine Frau in Uniform, Alkohol. Viele Motive finden die Jugendlichen „halb gut“, zum Beispiel einen putzenden Mann: In Afghanistan würden sie das nie machen, aber hier schon.  Oder ein lesbisches Paar mit Kind: „In Deutschland ist das normal“. Es fällt Vielen sichtlich schwer, ihre eigene Einstellung zu nennen. Die Diskrepanz zwischen den Werten und Regeln, die sie von klein auf gelernt haben und denen, die ihnen erst seit Kurzem in Deutschland begegnen, ist groß. Aber auch unter ihnen herrschen Differenzen, zum Beispiel beim Thema Homosexualität. „Jeder soll machen, was er will!“, sagt einer. Ein anderer schüttelt entsetzt den Kopf. Nein, aber zwei Männer, das geht einfach nicht.

Bei einem Bild aber sind sie sich alle einig: Es zeigt fahrende Panzer. “Das ist sehr schlecht“, erklärt Meysam. Er war vor einigen Tagen zum ersten Mal auf einem deutschen Friedhof und auf den Gräbern las er nur alte Jahreszahlen. „Das ist in Afghanistan ganz anders! Da liegen nur Leute, die so alt sind wie wir!“, sagt er mit erregter Stimme.  „Wer findet das Bild denn gut?“, fragt Shvan. Die Gesichter sprechen für sich. Niemand hier hat Lust, diese Panzer nochmal in Echt zu sehen.

Als der Workshop sich dem Ende neigt, sind längst nicht alle Fragen beantwortet. Eine Woche reicht nicht aus, um alle Themen anzusprechen, die den Jugendlichen momentan auf dem Herzen liegen. Es stehen wichtige Ereignisse an in den nächsten Wochen: Einige werden zum ersten Mal in die Schule gehen, in eine Ausbildung starten oder ihre Abschiebung anklagen. In diesen chaotischen Zeiten brauchen sie Angebote, die ihnen etwas Struktur und Halt geben. Immer wieder hören wir die Frage, wie es jetzt weitergeht, ob sie den Workshop nochmal machen können. Am Freitagnachmittag verabschieden wir uns- auf Zeit. Denn die Jungs werden wiederkommen, wenn es nach den Sommerferien mit der Nachhilfe im Medienhof weitergeht.

Mascha Malburg/ 30.08.2017

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