Podiumsdiskussion: Keine Chance für Kinder aus dem Wedding?

Dies wird eine politische Woche im Medienhof. Am Mittwoch veranstalten wir eine große Diskussion zum Thema „Bildungschancen im Wedding“ mit Vertreterinnen und Vertretern der Parteien. Am Freitag findet dann die U-18-Wahl statt. Wer mitreden will, ist herzlich eingeladen.

 

U-18-Wahl im Medienhof

Schülerinnen und Schüler unter 18 Jahren haben am Freitag, 15. September, die Möglichkeit zwischen 10.00 Uhr und 18.00 Uhr in den Medienhof-Wedding zu kommen und zu wählen. Es gibt Kandidaten und Parteien wie bei der Bundestagswahl am 24. September. Alle Acht- bis Siebzehnjährigen sind aufgerufen ihre Stimme abzugeben. Leider zählt sie nichts.

Mancher fragt sich wahrscheinlich: „Wollen die mich veralbern?“ Es sieht so aus. Allerdings stecken hinter der Wahl andere Absichten. Die Kinder und Jugendlichen sollen schon mal „üben“ zu wählen, später dürfen sie es dann ja. So lernen sie, wie die Wahl mit zwei Stimmen funktioniert und was die Parteien eigentlich wollen. Politische Bildung eben.

Außerdem können sich die Erwachsenen ein Bild machen, was den jungen Leuten wirklich wichtig ist. Schließlich sind sie nicht nur ein Teil der Gesellschaft, sondern sogar deren Zukunft. Oft kommen bei der U-18-Wahl andere Ergebnisse heraus als bei der Erwachsenen-Wahl. So hat die Tierschutzpartei häufig bis zu dreißig Prozent. Hier wird deutlich, wie wichtig den Kindern der Tierschutz ist. Das mag den ein oder anderen Politiker bewegen, sich für eine artgerechtere Tierhaltung einzusetzen.

 

Bildungshürden im Wedding

Was die Kinder und Jugendlichen am meisten betrifft ist natürlich das Thema Bildung und Schule. Bildung spielt im Soldiner Kiez eine herausragende Rolle, weil sie einer der wenigen Wege aus der Armut ist. Viele junge Menschen kommen hier aus Familien, die Hartz IV empfangen. Die meisten haben einen Migrationshintergrund und Deutsch zuhause nicht als Muttersprache gelernt. Wenn es wenig Bildung in der Familie gibt und die Schulsprache schwer fällt, sind die Kinder in einem sozialen Brennpunkt wie der Gesundbrunnen-Region gegenüber deutschstämmigen Mittelschichtkindern schon doppelt benachteiligt.

Hinzu kommt, dass man hier im Wedding selten einen Emil oder eine Anna-Sophie trifft. Die Mohammeds, Alis und Merves bleiben größtenteils unter sich. Sie haben kaum eine Chance auch einmal andere Lebensmodelle, Orientierungen oder Interessen kennenzulernen als die in ihrem bildungsarmen sozialen Umfeld. Wenn alle anderen den typischen Weddinger Straßenjargon sprechen, wie soll dann einer in der Familie oder bei Freunden Hochdeutsch reden, ohne sich selbst auszugrenzen? Wenn alle Freunde am Handy daddeln, wie kommt dann einer rüber, der stattdessen ein dickes Buch liest? Was ihm wegen der ungewohnten Formulierungen der Schriftsprache wahrscheinlich auch überaus schwer fällt. Aus diesen Verhältnissen aufzusteigen und den Bildungsweg in andere Milieus wirklich zu gehen, verlangt auch für die intelligenten und willigen Kinder häufig fast übermenschliche Anstrengungen. Deshalb ist das Drittel, das einen Berufsabschluss oder sogar ein Studium packt, regelrecht zu bewundern. Selbst wenn sie keine strahlenden Ergebnisse erzielen, haben sie sich das hart, hart erarbeitet. Diese Kinder entdecken übrigens auf ihrem Weg häufig selbst den Medienhof und nutzen dessen Unterstützungsangebote. Zwei Drittel der Jugendlichen aus dem Wedding erlernen allerdings keinen Beruf, werden selten einer erfüllenden Beschäftigung nachgehen, bleiben auf dem Arbeitsmarkt kaum vermittelbar und somit von den Behörden abhängig. Das ist sowohl für den einzelnen, als auch für seine Familie und die Gesellschaft keine besonders rosige Perspektive.

 

Podiumsdiskussion mit Parteivertretern

Im Vorfeld der U-18-Wahl soll es deshalb im Medienhof-Wedding eine Diskussion zum Thema Bildung geben. Die Vertreterinnen und Vertreter fast aller relevanten Parteien werden da sein und sagen, was sie tun wollen, um die angesprochenen Bildungshürden aus dem Weg zu räumen. Dann wollen wir mit den Jugendlichen und den Anwohnern aus dem Kiez diskutieren, woran die schlechten Bildungsergebnisse liegen und was man dagegen tun kann. Erschweren Religion und Tradition zum Beispiel eher erfolgreiche Bildungswege oder fördert der Koran nicht gerade Bildung. Das könnte ein weiterer Einzelaspekt sein. Erfolgreich wäre die Diskussion, wenn am Ende einige neue, produktive Ansätze erkennbar sind, wie die Kinder und Jugendlichen im Bezirk mehr Unterstützung und Chancen bekommen können.

Eingeladen haben wir zu der Veranstaltung

Maja Lasic – ist bildungspolitische Sprecherin der SPD im Abgeordnetenhaus zu Berlin, also im Berliner Parlament. Da das Land Berlin über die Bildung in Berlin bestimmt, nicht der Bund, dachten wir, es sei sinnvoll, politische Landesvertreter(innen) einzuladen.

Regina Kittler – ist bildungspolitische Sprecherin der Partei „Die Linke“

Carsten Spallek – ist der Bezirksbürgermeister für Schule im Bezirk Mitte. Die Bezirke sind für die Gebäude, das Essen, die Reinigung und die Hausmeister an den Schulen zuständig. Wie viel Lehrerinnen und Lehrer eingestellt werden und was unterrichtet wird, entscheidet allerdings die Landesregierung, also der Berliner Senat. Der Bezirk stellt sozusagen die Hardware, das Land Berlin die Software. Trotzdem kann Carsten Spallek sicher viel über das Bildungsprogramm der CDU in Land und Bund sagen.

Paus Fresdorf – ist bildungspolitischer Sprecher der FDP

Nedim Bayat – ist bildungspolitischer Sprecher der GRÜNEN-Fraktion in der Bezirksverordnetenversammlung. Das ist das Parlament des Bezirkes. Es steht in der Hierarchie zwar unter dem Landesparlament von Berlin, also dem Abgeordnetenhaus, und ist nur für den Bezirk Mitte zuständig. Aber der Bezirk Mitte ist so groß wie eine normale deutsche Großstadt und der Gesundbrunnen-Stadtbezirk liegt genau darin. Außerdem kann Nedim Bayat sicher viel zu dem Landes- und Bundesprogramm der GRÜNEN beim Thema Bildung sagen.

 

Wir hatten auch den bildungspolitischen Sprecher der AfD angefragt, weil wir es demokratisch finden, mit allen Parteien zu diskutieren und Argumente auszutauschen. Die AfD hat sich allerdings als einzige Partei nicht mehr zurückgemeldet. Das muss nicht negativ bewertet werden, denn es könnte der Diskussion guttun. Es hätte die Gefahr gegeben, dass bei einer Diskussion die AfD im Mittelpunkt gestanden hätte und nicht das Thema Bildung. So geht es hoffentlich zentral um Bildungschancen im sozialen Brennpunktkiez.

 

Wir hoffen natürlich, dass viele Interessierte zu der Veranstaltung kommen: Jugendliche, Lehrerinnen und Lehrer, Anwohnerinnen und Anwohner, Multiplikatoren und Multiplikatorinnen, Eltern. Und dann sollten natürlich viele Jugendliche das Angebot nutzen, am Freitag zum ersten Mal ihr Kreuz bei einem Kandidaten und bei einer Partei zu machen. Schließlich will man der jungen Generation eine Stimme geben, durchaus im doppelten Sinn.

 

Herbert Weber, 12. September

 

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