Vom ersten Schleifebinden bis zur Gymnasialempfehlung- wie die Rudolf-Wissel-Grundschule mit den Herausforderungen einer vielfältigen Schülerschaft umgeht

In unserer Interviewreihe mit Schulleiterinnen im Berliner Wedding haben wir uns mit Karin Jahn, Leiterin der Rudolf Wissel Grundschule in der Ellerbeker-Straße getroffen. Im Gespräch erzählte sie, welche Herausforderung aber auch Freude es darstellt, Kindern aus teilweise schon mal über 18 Nationen lesen und schreiben beizubringen.

Die Rudolf Wissel Grundschule gehört zu den alten Volksschulen, da sie bereits 1914 gebaut wurde und beide Weltkriege gut überstanden hat.

Frau Jahn kam im Jahr 2000 an die Grundschule, die sie seit zwei Jahren kommissarisch leitet. Sie ist auch aktuell noch als Lehrerin vor allem für das Fach Sport zuständig und unterrichtete früher auch Englisch. Derzeit umfasst die Grundschule jeweils drei bis vier Klassen mit ca. 25 Schülern von erster bis sechster Klasse und eine Willkommensklasse für Flüchtlingskinder und Kinder, die vorher nicht in Deutschland zur Schule oder Kita gegangen sind. Als Ganztagsschule bietet die Rudolf Wissel Grundschule den Kindern ab 14 Uhr auch die Betreuung im Hort und verfügt über einen ausgedehnten Freizeitbereich für die Kleinen. Interessierte Lehrer können sich außerdem im pädagogischen Informationszentrum PIZ, das sich im Gebäude der Schule befindet, weiterbilden lassen und an Infoveranstaltungen teilnehmen.

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Karin Jahn, Direktorin der Rudolf Wissel Grundschule

Was bedeutet es für Sie, eine Grundschule zu leiten?

Die Grundschule find ich deshalb toll, weil die Kinder noch sehr anhänglich und personenbezogen sind. Für die Kleinen geht es noch nicht in erster Linie um die Inhalte (die natürlich für den Lehrer wichtig sind), sondern um die Person, für die sie gern etwas tun möchten und sich weiterentwickeln wollen. Gerade an der Grundschule kann man die Entwicklung der Kinder toll beobachten. Das ist so eine rasante Zeit, die sie hier durchmachen: Wenn sie hier aus der Kita kommen, können sie teilweise noch keine Schleife richtig binden oder den Stift vernünftig halten. Dann kann man sie am Schluss mit gutem Gewissen zur Oberschule entlassen. Es ist sehr schön, dass man hier viele Erfolgserlebnisse hat.

 

Auf welche Projekte Ihrer Schule sind Sie besonders stolz?

Da wir Kinder aus sehr verschiedenen Kulturen haben, versuchen wir diese Vielfalt auch zu leben und den Kindern weiterzugeben. Das heißt, die Kinder sollen die deutschen Bräuche kennenlernen, weil sie ja hier leben. Wir versuchen hier viele Feste der anderen Kulturen gemeinsam zu feiern und ein Verständnis und Respekt für andere Bräuche zu entwickeln. Es gab z.B. ein Zuckerfest oder Weihnachtskonzerte für alle, das den Kindern viel Spaß gemacht hat Des weiteren haben wir eine Lese- und Sprachwoche mit verschiedenen Projekten, wo wir zeigen wollen, wie wichtig Sprache ist. Die Lehrer bei uns unternehmen mit den Schülern auch viel außerhalb vom Klassenraum, da sie ja teilweise das erste Mal in überhaupt in einer Schule und noch dazu in einem fremden Land sind. Sie fahren z.B. in die Waldschule, damit sie mal aus ihrem Kiez herauskommen. Sehr wichtig ist uns auch unsere Schulsozialarbeit und das Konzept der Streitschlichter: Schüler der vierten Klasse bekommen ein Leibchen und werden zu Vermittlern ausgebildet. Sie helfen dann während der Hofpausen, bei Streit oder Problemen zu vermitteln. Hier gibt es auch das Projekt Schulhofpaten: Das sind Schüler, die Spielzeug austeilen und den Kindern bestimmte Spiele lernen, damit es ein friedliches Miteinander gibt.

 

Ihr Arbeitsalltag als Lehrerin und Schulleiterin ist vielseitig. Welche Aufgaben machen Ihnen dabei besondere Freude?

Natürlich unterrichte ich gern. Nur Büroarbeit wäre gar nichts für mich. Ansonsten finde ich es toll, dass man als Schulleiterin etwas gestalten und voranbringen kann. Die Kinder haben sich gerade in den letzten zehn Jahren ganz anders entwickelt und kommen mit ganz neuen Voraussetzungen. Da muss man Schule anders gestalten. Man sitzt dann hier am Schalthebel und es macht Spaß, zu sehen, dass es voran geht. Das ist für mich der Reiz: Dass man etwas erreicht hat.

 

Wie verteilt sich der Anteil der Anteil von Schülern nichtdeutscher Herkunftssprache an Ihrer Schule und woher kommen die meisten Kinder?

85% unserer Schüler sind nichtdeutscher Herkunftssprache und ganze 79% sind lehrmittelbefreit. Wir haben hier vor allem viele türkische und arabische Kinder. Durch die vielen Kriege sind es auch mittlerweile mehr aus Syrien, aber auch Bulgaren, Polen oder Griechen. Vor einiger Zeit noch waren es mal über 28 Nationalitäten.

 

Welchen täglichen organisatorischen Herausforderungen muss sich ihre Grundschule im Schulalltag stellen, die einen solch hohen Migrantenanteil und große kulturelle Vielfalt aufweist? Woran mangelt es Ihnen am meisten?

Sprache ist die größte Problematik und frisst sehr viel Zeit. Hier geht es schon los bei der Anmeldung der Schüler im Sekretariat. Man muss den Eltern in einfachsten Worten erklären, worum es geht, welche Informationen wir von ihnen und ihrem Kind brauchen. Da vergeht oft eine Stunde, bevor man den Anmeldebogen ausgefüllt hat. Wir holen uns dazu oft Dolmetscherdienste, weil es sonst gar nicht funktionieren würde, da viele Eltern gar kein Deutsch sprechen. Auch bei Elterngesprächen ist das sehr schwierig und ohne Übersetzer oft nicht machbar.

Dann sind es viele bürokratische Sachen: Man weiß nicht genau, ob die Eltern lesen oder schreiben können und ob sie verstanden haben, was besprochen wurde. Auch das Sprach- und Lernniveau der Kinder kennt man gar nicht gleich. Wenn wir Glück haben, sehen wir direkt, dass die Familie gar kein Deutsch spricht. Dann kommen alle in eine Willkommensklasse. Hier werden dann alle neu angekommen Kinder zwischen Klasse 3 und 6 zusammen gefasst. Da wir aber oft nicht wissen, ob und welche Schulbildung die Kinder vorher hatten, ist es schwierig sie einzustufen:

Altersmäßig würden sie bei uns in eine fünfte Klasse kommen, haben aber durch den Krieg in Syrien noch nie eine Schule besucht oder wurden nur rudimentär zu Hause etwas von den Eltern „unterrichtet“. Soweit die das in Kriegszeiten überhaupt konnten. Die Sprachbarriere der Eltern lässt nicht zu, dass wir da genau dahinter und wir haben die schwierige Aufgabe zu entscheiden, wie man die Kinder jetzt verteilt auf welchem Niveau man sie einschult. Wenn sie dann eine Weile hier sind, sprechen die Kinder oft besser als die Eltern.

Auch der Lehrermangel ist ein Problem. Aktuell sind einige Kollegen krank und wir finden keinen Ersatz. Es gibt zwar Quereinsteiger, die hier anfangen wollen, doch diese können wir für eine solch schwierige erste oder zweite Klasse leider nicht nehmen. Hier fehlt ja vollkommen die pädagogische und didaktische Ausbildung. Hier gibt es auch einige tolle Ausnahmen ehemaliger Studienräte, die sich nebenbei in den Fächern weitergebildet haben und jetzt ihr Herz für die Kleinen entdeckt haben. Doch was uns fehlt, sind wirklich Fachpädagogen und qualifiziertes Personal, das von Anfang weiß, welche Aufgaben auf einen Grundschullehrer zukommen.

Dann kommt noch die besondere Situation im Wedding hinzu: kulturelle Vielfalt hinzu, viele verschiedene Sprachen, das niedrige Wissens- und Lernniveau vieler Schüler und viele Kinder mit Behinderungen und Defiziten. Viele Kinder haben Kriegserlebnisse hinter sich und müssten eigentlich psychologisch betreut werden. Das kann ein Lehrer nur schwer leisten und als Quereinsteiger unterschätzt man das enorm. Obwohl wir Schulsozialarbeiter mit 1,5 Stellen haben, reicht das oft nicht aus.

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Graue Fassade mit vielen bunten Gesichtern: Die Rudolf Wissel Grundschule.

Was sind Ihrer Meinung nach die größten Herausforderungen für die Schüler mit Migrationshintergrund im Schulalltag?

Die Kinder haben ein ganz unterschiedliches Wissensniveau und aufgrund der fehlenden Sprache und Situation zu Hause ist auch das Lernniveau eher niedrig. Dann prallen da ganz unterschiedliche Erlebnisse und Welten aufeinander und es entsteht ein großes Konfliktpotential. Dann mangelt es natürlich auch an Disziplin im Unterricht. Das ist eine schlechte Grundlage für gutes Lernen. Die Qualität des Unterrichts hängt dann auch vom Classroom-Management des Lehrers ab, der alle Kinder immer im Blick haben muss. Das stellt einen hohen organisatorischen Aufwand dar, dem nicht jeder gewachsen ist.

 

Ein engagierter Lehrer hat ja einen guten Kontakt zu den Eltern seiner Schüler. Wie gestaltet sich die Elternarbeit an ihrer Schule? Wie ernst nehmen die Eltern im Wedding die Bildung Ihrer Kinder und nutzen die Bildungsangebote im Kiez?

Wir kennen die Eltern relativ gut und haben sehr aktive GEV (Gesamtelternvertreter), die sich viel bemühen, etwas für die Eltern zu organisieren. Das Problem ist nur, dass sich Eltern nicht festlegen: Man fragt, wer einen Kuchen macht und bekommt keine eindeutige Antwort. Beim Fest haben wir dann auf einmal 10 Kuchen. Die Eltern sind daher also sehr unberechenbar und lassen viel offen. Wir sind da häufig überrascht und können schlecht planen. Vorträge bieten wir öfter an, doch diese werden nur sporadisch wahrgenommen. Bei einem Vortrag zum Thema „Das Lernen lernen“, hatten sich 25 Eltern angemeldet, aber 9 waren nur da. Wir kämpfen sehr, dass diese Angebote wahrgenommen werden.

Dann gibt es engagierte Klassenlehrer, die sehr guten Kontakt zu den Eltern haben. Bei manchen kommen viele Eltern auch zu Veranstaltungen, bei anderen weniger. Elternkontakt ist vor allem in unseren Kiez ein großes Stück Arbeit, da man die Eltern aktiv ansprechen und außerhalb des Unterrichts Zeit investieren muss. Im Untergrund schwelen auch kulturelle Barrieren oft mit – die eine Community möchte teilweise mit der anderen nichts zu tun haben.

Manchmal fehlen auch Kinder, wenn es Feste gibt. Da heißt es dann, das Kind hat Bauchschmerzen. Wir können da als Lehrer nicht viel machen, da wir nicht dahinter kommen. Das ist sehr schwierig.

 

Zum Thema Nachhilfe: Wie viele Ihrer Schüler, von denen Sie wissen, nehmen private Nachhilfeangebote wahr oder können die schulischen Aufgaben nur mit diesen bewältigen? Gibt es auch direkt an Ihrer Schule Nachhilfestunden am Nachmittag?

Über den Berlinpass können Kindern kostenlose Nachhilfe durch Förderlehrer bekommen, die zu uns an die Schule kommen. Wir sind auch sehr froh über die Studenten von SPRINT, die uns im Unterricht helfen und diesen begleiten. Genau können wir die Zahl der Schüler, die privat Nachhilfe in Anspruch nehmen oder zum Medienhof gehen, aber nicht benennen. Das ist schwierig.

 

Wie wichtig ist Ihrer Meinung nach ein Angebot wie es der Medienhof bietet für Ihre Schüler?

Es ist immer gut, dass die Kinder auch mal einen anderen Ort zum Lernen haben und mal rauskommen. Das Problem ist ja, dass viele zu Hause nicht lernen können. Kinder von Flüchtlingen wohnen in Hostels mit vielen Familien. Dort gibt es keinen Ort zum Schreiben, sie haben kein eigenes Zimmer oder so etwas Einfaches wie einen Tisch und Stifte. Es passt dann keiner auf, dass sie auch etwas lernen. Und dann werden viele an verschiedene Orte verschoben, wo man die Familien plötzlich nicht mehr erreicht und es ist schwierig, dem nachzukommen. Für diese Kinder ist es ganz wichtig, dass sie so einen Lernort haben, wo es auch Materialien gibt. Viele haben ja nicht mal Stifte, Papier oder Spiele. Es mangelt an den ganz simplen Sachen wie z.B. einem Würfel. Dann kommt noch dazu: Was man früher vorausgesetzt hat, gibt es in vielen Familien nicht mehr: etwa Brett- oder Kartenspiele und Dinge außerhalb von Handy, PC und Fernseher.

Es gibt auch tolle engagierte Familien, aber auch leider viele Problemfamilien und diese Kinder brauchen diesen geschützten Lernort unbedingt.

 

Kennen Sie persönlich Schüler, die den Medienhof schon einmal besucht haben, um dort zu lernen oder an einem Projekt teilzunehmen? Was erzählen die Schüler darüber?

Die Kinder, die zur Nachhilfe zu euch in den Medienhof gehen, sind diejenigen, die von sich aus noch mehr machen wollen. Bei den Problemkindern erzählen wir den Eltern oder Kindern, dass es den Medienhof gibt und dass ihre Kinder dort jederzeit Unterstützung finden. Aber wir wissen da oft nicht, ob das Angebot genutzt wird und ob die Kinder das wirklich machen. Sie sagen dann oft, dass sie hingehen. Aber wir wissen, dass das oft nicht der Fall war. Ein paar gute Schüler machen kommen wirklich regelmäßig und berichten auch mal in der Schülerzeitung über die eine oder andere Aktion. Ich animiere auch die Lehrer mit den Klassen hinzugehen, damit die Hemmschwelle weg ist, an einen Ort zu gehen, den sie nicht kennen. Der Weg zu euch ist von uns auch nicht weit. Da könnten auch die kleineren Kinder durchaus nach der Schule hingehen.

Die Frage ist immer, wie wichtig ist den Eltern Lernen und Schule überhaupt: Wie war das in ihrem Leben? Können sie das so einschätzen, wie wir das jetzt machen?  Das ist nicht immer so. Es gibt auch die Familien, bei denen klar ist, dass das Mädchen später einmal heiratet und den Haushalt führt. Wofür muss sie dann lernen? Wir haben aber auch sehr positive Beispiele ehrgeiziger Schüler, die auch Rechtsanwälte und Ärzte geworden sind. Für diese Schüler ist so ein Lernort oft eine richtige Chance.

 

Wie könnte der Medienhof Ihrer Meinung nach mehr Schüler für die kostenlose Nachhilfe begeistern? Gibt es vielleicht Eltern und Schüler, die gar nicht wissen, dass es dieses Angebot gibt?

Der Medienhof hat so tolle Angebote, aber man muss die Schüler wirklich an die Hand nehmen. Viele sitzen nur die 6 Stunden hier ab und gehen dann in die Moschee und müssen dort wieder sitzen. Was dort passiert, wissen wir nicht. Für die Eltern ist das teilweise wichtiger als Nachhilfe und die Kinder dürfen auch nichts darüber erzählen. Hier müsste man ansetzen, das Bewusstsein auch bei den Eltern für diese wirklich guten Lernorte zu schaffen.

 

Das Interview führte Katja Nauck im Dezember 2017 im Auftrag des Medienhofs.

 

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