Interview mit der Direktorin der Andersen Grundschule: „Das größte Problem ist das schlechte Sprachniveau der Kinder, die zu unserer Schule kommen“

Wir kooperieren mit zahlreichen Schulen im Umkreis, deren Schüler*innen nachmittags zum Lernen und zur Nachhilfe kommen und hier einfach einen Ort haben, wo sie in Ruhe und mit kompetenter Unterstützung durch ältere Schüler und angehende zukünftige Lehrer lernen können. Warum dies so wichtig ist, wird klarer, wenn man sich die herausfordernde Situation in den Weddinger Grundschulen betrachtet. Die Schulen im Berliner Wedding haben alle eines gemeinsam: In ihnen herrscht eine bunte Vielfalt. Hier lernen Kinder aus teilweise über 38 Nationen das Einmaleins, Lesen und Schreiben.
Die Klassen bestehen meist aus über 80 bis 90% Schüler*innen nichtdeutscher Herkunftssprache. Es handelt sich dabei um Kinder von jüngst geflüchteten Familien, die in Berlin das erste Mal überhaupt so etwas wie eine Schule besuchen, aber auch um Kinder, deren Eltern schon lange in Berlin leben und mittlerweile im Wedding verwurzelt sind.

Diese Grundschulen, von denen einige Schüler auch regelmäßig zum Medienhof kommen, möchten wir euch hier nach und nach vorstellen. Im Interview mit Fee Mergenthaler-Starke, Leiterin der Andersen-Grundschule in der Kattegatstraße, wird deutlich, welche organisatorische und menschliche Herausforderung eine Schulleitung im Berliner Wedding darstellt und warum der Medienhof als geschützter Raum und Lernort so wichtig für die Kinder ist.

 

>> Lest hier auch unser Interview mit Karin Jahn, der Direktorin der Rudolf Wissel Grundschule zur Situation an ihrer Schule

 

IMG_20171128_085424879_HDRDie Andersen-Grundschule ist ein hübscher Backsteinziegelbau unweit vom S-Bahnhof Wollankstraße. Seit 2015 ist Fee Mergenthaler-Starke (50) als Direktorin tätig. Sie kennt die über 100-jährige Schule sehr gut, da sie hier bereits ihr Referendariat als Lehrerin für die Fächer Musik und Französisch absolvierte. In der ehemaligen Volksschule lernen aktuell ca. 400 Kinder in drei Klassen pro Stufe. In den 70er Jahren wurde der Schulraum durch einen Erweiterungsbau auf dem Hof ergänzt und dennoch reicht der Raum aktuell nicht aus.

Worin besteht für Sie der Reiz, eine Grundschule zu leiten?

Dass man sich Dinge ausdenken und auf den Weg bringen kann, die man für richtig hält. Es macht mir Spaß zu schauen, was man Optimales machen kann, um die Kinder zu an so einem schwierigen Standort, wie wir ihn hier haben, zu fördern. Dabei geht es auch darum, innovativ zu sein und innovative Projekte zu entwickeln.

Sie haben bereits eine Reihe innovativer Projekte initiiert und vorangetrieben. Worauf sind Sie besonders stolz?

Da gibt es wirklich viele Projekte: Das wäre als Erstes unser AG-Bereich. Perspektivisch möchten wir jedem Kind je nach Interesse – ob rein praktisch oder künsterlisch – eine AG bieten. Dazu haben wir z.B. auch eine Küche eingebaut, wo wir mit den Kindern kochen können. Weiterhin haben wir „Klassenrat“ als festes Unterrichtsfach ab Klasse 3 eingeführt. Dabei soll das demokratische Lernen und Eigenverantwortlichkeit gefördert werden: Die Kinder sitzen im Stuhlkreis und setzen sich ohne die Lehrkraft mit Problemen auseinander. Sie sollen lernen, wie ein Protokoll geführt wird und wie man gemeinsam Probleme anspricht und löst.
Dann haben wir WUV (Wahlunterrichtsverpflichtung): Als „Schule der gesunden Dichter und bewegten Denker“ fördern wir die Schüler über die Sprachvermittlung. Innerhalb des Profils Deutsch kann sich jeder Schüler einen Bereich heraussuchen, z.B. Theater, Poetry Slam, Gedicht- und Lesewerkstatt, kreative Schreibewerkstatt, Homepage- oder das Computerprojekt. Der Verein Kidsfaces e.V. unterstützt uns hier bei der Homepage und soll das Schulleben durch Foto- und Videobeiträge unserer Projekte abbilden.
Wir haben außerdem viele Kooperationspartner, mit denen wir zusammen arbeiten: Mit dem Medienhof möchten wir bald das Projekt „Studenten machen Schule“ realisieren, indem Lehramtsstudenten im Unterricht mithelfen.
Mit der Stiftung Fair Chance haben wir das Projekt „Mitsprache“. Dabei geht es darum, dass Lehrerinnen und Sozialarbeiter Kinder in kleinen Gruppen außerhalb des Unterrichts beim Sprachenlernen unterstützen. Die Stiftung liefert dafür das Lernmaterial für die Kinder und bildet die Lehrer aus, die Kinder zu fördern. Ich bin auch sehr stolz, dass uns insgesamt 3 Sozialarbeiter an der Schule unterstützen und auch zwischen den Schülern vermitteln.

Der Arbeitsalltag einer Direktorin ist sicherlich sehr vielseitig. Was macht ihnen besonders viel Spaß?

Ich unterrichte sehr gern, Englisch zum Beispiel. Und ich führe auch gern Gespräche, bei denen es um die Planung neuer Projekte geht. Aktuell geht es um Planungsgespräche zur Einführung von Schach als Lernfeld. Das hat der alte Schulleiter als Projekt noch angefangen. Wir haben da eine Kooperation mit der Schachschule im Wedding. Da wir aber nur sehr wenig Lehrer haben, die uns da unterstützen können, unterrichte ich selbst jetzt donnerstags im Tandem mit der Schachlehrerin von Schachklub International Berlin 2010 e.V.

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Die Direktorin an einem ihrer vielen Arbeitsplätze.

 

Wie verteilt sich der Anteil der Schüler nichtdeutscher Herkunftssprache an der Andersen Grundschule und woher kommen die meisten Ihrer Schüler?

Bei uns liegt der Anteil von Schülern nichtdeutscher Herkunftssprache bei 95%. Es gibt wirklich nur ein bis zwei Kinder, wo beide Eltern von Hause aus Deutsch sprechen. Bei einigen ist ein Elternteil deutscher und einer z.B. türkischer Herkunft, da ist das Sprachniveau besser. Es gibt jedoch einen hohen Anteil von Kindern, deren Eltern nur sehr schlecht Deutsch sprechen.
Es besuchen Kinder aus 40 verschiedenen Nationen unsere Schule, die verschiedene Sprachen sprechen und verschiedenen Religionen angehören. Der Anteil der muslimischen Familien ist hoch.
Wenn dann Feste sind wie das Fastenbrechen oder das Zuckerfest, fehlt auch schon mal zwei Drittel der Schülerschaft. Es gibt aber auch viele christlich-orthodoxe Familien aus dem serbischen Raum.

Ein großes Problem besteht darin, dass die Kinder oft nicht eine Kita gegangen sind und vorher gar kein Deutsch gelernt haben. Sie kommen mit diesem schlechten Deutschniveau an die Schule. Daher bin ich für eine Kita- und Schulpflicht für alle Kinder. Bei uns wird erlaubt, dass Kinder bis zum Schuleintritt zu Hause bleiben und nicht in die Kita gehen, aber da ist es schon zu spät. Kinder, die zu Hause betreut werden, lernen ja so nicht die deutsche Sprache und kommen dann in der Schule nicht mit. Es kommen auch viele Geschwisterkinder zu uns, die auch ganz schlecht oder kein Deutsch sprechen. Bei vielen Familien ist leider keine Steigerung der Sprachfähigkeit da, nur weil ein Kind hier bei uns gute Deutschkenntnisse erworben hat.

Welchen täglichen organisatorischen Herausforderungen muss sich Ihre Grundschule im Schulalltag stellen?

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Schöne Schule mit zu wenig Platz: Der Raummangel ist ein großes Problem.

Wir haben leider einen sehr großen Raummangel: Als offene Ganztagsschule mit Hortbereich (EföB) fehlt es uns an Möglichkeiten, sich zurückzuziehen und an Teilungs- und Förderräumen. Aktuell sind ca. 120 Kinder für den Hort (EföB) angemeldet und es werden immer mehr. Wir wissen nicht, wo wir diese Kinder unterbringen sollen. Daher müssen wir leider in Zukunft Räume doppelt belegen – ein Klassenraum wandelt sich dann ab Nachmittags zum Freizeitbereich um. Es wäre allerdings schöner, einen Rückszugsraum für die Kinder zu haben, der nicht nach Schulraum aussieht. Aktuell befinden sich ca. 30 Kindern in einem Gruppenraum und  es gibt keine Möglichkeit sich zurückzuziehen.
Das zweite große Problem ist der Lehrermangel. Es fehlt uns an Nachwuchs für den Grundschulbereich. Gymnasiallehrer*innen für bestimmte Fächer wie Geschichte gibt es im Überfluss, aber keine für die Grundschule. Daher haben wir zurzeit mehrere offene Stellen, die wir nicht besetzen können. Leider wollen auch viele Bewerber*innen nicht an die Grundschulen oder fühlen sich dafür nicht befähigt. Es gibt zu wenig ausgebildete Grundschullehrer*innen und Sonderpädagog*innen. Die Inklusion stellt für die Lehrer auch eine große Herausforderung dar: Das bedeutet, alle Kinder egal welchen Sprach- und geistigen Niveaus, müssen zusammen unterrichtet werden. Die Schulen erhalten viele Stunden für die Sprachförderung und Integration, können sie aber aufgrund des Personalmangels häufig nicht vollständig abdecken.
Um diesen Personalmangel auszugleichen müssen wir mit vielen Quereinsteigern arbeiten, die aus einem anderen Beruf kommen und in den Lehrerberuf wechseln möchten. Aktuell haben wir also ganze 20 – 30 % Quereinsteiger, die ohne pädagogische Ausbildung diese Grundschüler unterrichten und berufsbegleitend studieren müssen.

Was sind Ihrer Meinung nach die größten Herausforderungen für die Schüler mit Migrationshintergrund im Schulalltag?

Dass sie das Regelniveau erreichen! Es wäre schön, zu sagen, wir bilden euch so aus, dass ihr in der Oberschule mitkommt und vielleicht gute Chancen habt. Bei den kleinen Kindern haben wir zum Glück noch nicht die enormen Verhaltens- und Gewaltprobleme, die es an den Weddinger Sekundarschulen gibt.
Bei uns gibt es 40 Konfliktlots*innen, die im Streitfall vermitteln können. Außerdem haben wir einige engagierte Schulsozialarbeiter*innen. Eine Kooperation mit dem Jugendamt und der Schulpsychologie ermöglicht es, einzelne Fälle konkret zu besprechen. Es ist uns wichtig, dass die Schüler gut miteinander umgehen und Respekt voreinander lernen. Sollte es mal zu Gewalt kommen, können wir dem als kleine Schule gut nachgehen, da wir die wirklich jedes Kind gut kennen. Das können wir hier bis zur sechsten Klasse gewährleisten.

Guter Elternkontakt ist ja grundlegend für den schulischen Erfolg der Kinder. Kennen Sie die häusliche Situation der Schüler in Ihren Familien? Wie ernst nehmen die Eltern die Bildung Ihrer Kinder und nutzen die Bildungsangebote im jeweiligen Kiez?

„Elternarbeit“ ist hier im Kiez ist nicht immer einfach. Wir wollen demnächst ein regelmäßiges Elterncafé einrichten und anbieten, um sich auszutauschen. Das ist auch ein Projekt, das wir gerade anschieben. Es gab schon einen Probelauf beim Elternsprechtag und wir haben Werbung für das Elterncafé gemacht. Es waren auch Kiezmütter da, die sich bereit erklärt haben zu übersetzen. Aber der Zuspruch war leider noch zu gering. Die Eltern kommen schon zu den üblichen Elternsprechtagen, an denen wir über den Leistungsstand sprechen. Aber zum Elterncafé sind nur Wenige gekommen. Von unseren Schulsozialarbeitern wird viel für Eltern und Familien getan wie z.B. Kiezspaziergänge für Eltern und Kinder oder Spielenachmittage. Es gibt das Familienzentrum im Pankehaus, Frisbee und andere Angebote im Kiez. Viele Familien nutzen diese Angebote nicht unbedingt.

Wie wichtig ist ihrer Meinung nach ein Ort wie der Medienhof und die Nachhilfe für ihre Schüler? Wie wird diese Nachhilfemöglichkeit von ihren Schülern angenommen?

Der Medienhof ist eine super Einrichtung für die älteren Schüler ab Klasse 5 und 6. Die gehen da auch schon alleine hin. Die Entfernung unserer Schule zum Medienhof ist aber schon so groß, dass die Kleineren euch nicht allein besuchen können.

Wir haben so einen Mädchen- und Jungentreff. Da zeigen die Älteren den Kleinen den Medienhof und das funktioniert auch eine Weile ganz gut und einige Schüler*innen  sind da auch motiviert hingegangen. Im letzten Jahr sind ein paar Sechstklässlerinnen regelmäßig zum Medienhof gegangen. Aber bei den Kleineren liegt es daran, dass sie natürlich allein nirgendwo hindürfen und die Eltern sie auch nicht bringen können. Zudem machen sie sich Sorgen, wenn die Kinder allein irgendwo sind. Generell halte ich den Medienhof aber für sehr wichtig – gerade für die Mädchen aus traditionellen Familien. Da gibt es eine große Anzahl, die den Medienhof besucht, dort lernt und dadurch eine größere Chance bekommt, zum Abitur zu kommen und einen guten Berufsabschluss zu erlangen. Für die älteren Kinder ist das ein ganz tolles Angebot, denn sie sehen den Medienhof als Chance sich mal nicht nach der Schule zu Hause um die Geschwister kümmern zu müssen. Viele Mädchen müssen zu Hause Hausarbeit machen, beim Kochen helfen. Wenn sie sagen, sie lernen, haben sie einen Schutzraum im Medienhof, wo sie sich mit Freundinnen treffen können, lernen und mal für sich sind. Die Jungs dürfen raus gehen, Fußball spielen oder im Gesundbrunnencenter abhängen. Das ist vielen Mädchen aus manchen traditionellen Communities nicht erlaubt. Einige haben einen großen Ehrgeiz entwickelt, den Medienhof regelmäßig zu besuchen und man konnte wirklich die Fortschritte erkennen. Natürlich ist auch ein großes Vertrauen zu den Nachhilfelehrern, also den Student*innen da. Durch die Kooperation „Studenten mache Schule“ mit eurem Verein RAA Sprint, kennen die Schüler die Studentinnen bereits aus dem Unterricht.

Leider nutzen noch nicht genug Schüler die Nachhilfemöglichkeit im Medienhof. Wie könnte der Medienhof Ihrer Meinung nach mehr Schüler für die kostenlose Nachhilfe begeistern?

Die räumliche Entfernung unserer Schule ist ein Problem. Wenn hier Studentinnen kommen würden, um eine Gruppe von Kindern abzuholen, die die Kinder dann zu Fuß dorthin begleiten, wäre das hilfreich. Es würde sicherlich auch helfen, mehr Werbung an die Eltern zu verteilen, die deutlich macht, was der Medienhof als gemeinnützige, kostenlose Einrichtung den Kindern bieten kann. Doch nicht alle Eltern sehen so etwas als Hilfe zur Erziehung, sondern fühlen sich teilweise bevormundet. Hier muss der Kontakt zu den Eltern verbessert werden. Wir sind dran und wollen hier einige weitere Projekte anschieben. Der Medienhof ist eine super Chance für die Kinder und die Zusammenarbeit mit RAA wirklich hilfreich für die Schüler*innen.

Vielen Dank für die interessanten Einblicke in ihren Schulalltag und die Herausforderungen!

 

Das Interview führte Katja Nauck im Dezember 2017 im Auftrag des SprInt- Förederunterrichts im Medienhof.

 

 

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