„Aus dir wird nichts“, haben die Lehrer gesagt. Heute studiert Ali Maschinenbau.

Ali ist mit vier Jahren mit seiner Familie aus dem Kosovo geflüchtet. In Deutschland habe er nicht von null, sondern „im Minus“ angefangen, sagt er heute. Trotzdem steht er kurz davor, seinen Abschluss in Maschinenbau zu machen und ist Werkstudent bei Siemens.  Im Interview erzählt er über die großen Hürden auf seinem Weg und wie er anderen Kindern im Medienhof dabei hilft, diese auch zu überwinden.  

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Erzähl uns bitte deine Geschichte.

Mein Name ist Ali Gashi, ich bin ehemaliger Schüler vom Medienhof. Ich bin mittlerweile Student und studiere Maschinenbau und bin daneben Werksstudent bei der Siemens AG. Ich bin 1994 in einem Dorf im Kosovo geboren. Damals herrschte dort eine Vorkriegsstimmung. 1998 bin ich mit meiner Familie dann nach Deutschland gelaufen.

Gelaufen?

Ja, wir sind tatsächlich gelaufen, über die Balkanroute. Da war ich etwa vier Jahre alt. Ich kann mich auch noch daran erinnern, wie wir unterwegs in Flüchtlingsunterkünften geschlafen haben, die die UNO organisiert hatte.

In Deutschland hatte ich anfangs Schwierigkeiten, denn ich kannte die Sprache nicht und auch nicht Kultur. Die größte Sorge als Heranwachsender war für mich zunächst nicht die Schule und die Noten, sondern die Aufenthaltsgenehmigung. So hatte ich anfangs sehr schlechte Noten – außer in Mathe, das war mein Ding.

Hast du Sprachunterricht bekommen?

Ich habe Deutsch durch Freunde gelernt und vor allem hier im am Medienhof. Hier sind Nachhilfelehrer, das sind Abiturienten und Studenten, die einem bei den Hausaufgaben helfen.

Wie hast du den SprInt-Förderunterricht im Medienhof entdeckt?

Meine Mutter war aufgrund meiner schlechten Schulnoten besorgt. Da habe ich mir überlegt, dass ich mir Hilfe holen muss. Als ich ungefähr zwölf Jahre alt war, habe ich meine Freunde gefragt, wo ich kostenlose Nachhilfe bekomme – wir als Flüchtlinge hatten einfach kein Geld. Meine Schulfreunde haben mir dann den Medienhof vorgestellt: Dass man dort seine Hausaufgaben nacharbeiten kann und Erläuterungen bekommt. Seitdem bin ich dann jeden Tag hergekommen, sogar in den Ferien.

Wie war es am Anfang?

Anfangs, als ich hier ankam, da war ich noch der schlechteste Schüler in der Klasse. Die anderen haben auf mich heruntergeblickt, sogar die Lehrer haben mir gesagt, aus „dir wird nichts”…

Das haben deine Lehrer tatsächlich gesagt?

Ja, ich solle kein Abitur machen. Sie konnten eben nur bewerten, was auf dem Papier stand und das waren zu diesem Zeitpunkt Fünfen und Sechsen in einigen Fächern. Als Kind hat mich das demotiviert. Aus meiner Familie kannte ich ja keine Akademiker, also dachte ich, aus mir wird wohl auch keiner. Die Rahmenbedingungen waren extrem schlecht.

Meine Eltern haben sich aber trotzdem gewünscht, dass ich eines Tages studieren und sogar promovieren werde, was ich nun tatsächlich auch vorhabe.

Du hast deine Eltern beim Bildungsniveau also ziemlich schnell überholt…

Ja, das ist passiert. Sie waren die ganzen Jahre für mich da und haben mich bei meinem Weg zu mehr Bildung und zu einem Abschluss unterstützt.

In vielen deutschen Haushalten haben die Kinder ein eigenes Zimmer, einen eigenen Schreibtisch und so weiter. Wie sah es bei dir zuhause aus?

Meine drei Schwestern und ich sind mit der Erwartungshaltung aufgewachsen, dass wir Deutschland im nächsten Jahr verlassen müssten. 2005, also einige Jahre nach dem Krieg, wurden die ersten Kosovo-Albaner wieder zurückgeschickt.

In unserer Wohnung war alles auf eine plötzliche Abschiebung ausgerichtet. Man macht unter solchen Umständen keine großen Anschaffungen oder richtet Schreibtische für die Kinder ein. Ich hatte keinen Computer und kein Handy.

Wie hat sich diese Situation in der Schule ausgewirkt, wie warst du dort positioniert?

Das hat man schon gemerkt. Manche meiner Mitschüler im Prenzlauer Berg waren gut situiert, kamen aus Akademikerfamilien. Das sind bessere Startbedingungen, als ich und andere sie hatten. Ich konnte nicht richtig lesen, ich konnte mich nicht richtig artikulieren. Ich musste mich daher sehr anstrengen, um überhaupt „auf Null” zu kommen. Das ist nun mal so, wenn man „im Minus” startet.

Aber das Dranbleiben war richtig. Ich hatte immer eine hohe Affinität zur Mathematik und zur Technik. Ich liebe Zahlen, ich liebe alles, was rational begreifbar ist. Das war meine Motivation. Das und natürlich auch der Wille, es den anderen zu beweisen, dass ich schaffen werde, was keiner von mir erwartet hat.

Jetzt wirst du Ingenieur.

Ja, ich bin jetzt studentischer Mitarbeiter im Siemens Gasturbinenwerk in der Huttenstrasse hier in Berlin.

Kommen wir zurück zum Medienhof. Du gibst hier Nachhilfe und hast zuvor selbst Nachhilfe bekommen.

Ich besuche den Medienhof nun schon seit über zehn Jahren. Sechs Jahre davon war ich hier als Schüler.

Irgendwann habe ich das Bedürfnis bekommen, nicht nur zu nehmen, sondern auch zu geben. Die Gesellschaft hat mir und meiner Familie viel gegeben. Unsere Wohnung wurde bezahlt, ich habe eine Ausbildung bekommen, wir konnten in Frieden leben, was wir in unserer Heimat nicht konnten… ich finde, es ist einfach normal, dass man dieses Bedürfnis entwickelt.

Dann habe ich mit Herbert (Leiter des Medienhofs) gesprochen und wir haben das Projekt „Schüler helfen Schüler” gegründet. Nun zeige ich hier Schülern, die aus einer ähnlichen Situation wie ich kommen, dass sie es schaffen können. Jeder Mensch hat Stärken, es ist meistens das Umfeld, das für einen positiven oder negativen Ausgang sorgt. Man muss beständig sein und bereit sein, nach einem Misserfolg aufzustehen und weiter zu machen. Dein Mindset (Anm.: Denkweise, Haltung) ist das wichtigste.

Woher stammt deine Ausdauer?

Bei mir ist es der muslimische Glauben. Bildung ist aus dieser Perspektive heraus betrachtet ein Auftrag. Also der Aufbau von Wissen – gemeint ist sowohl religiöses Wissen, als auch weltliches Wissen, wie Biologie oder Mathematik. Das ist meine Motivation.

Bildung ist nicht nur der Weg zu Karriere und Wohlstand, sondern auch eine Lebensaufgabe?

Ja, ich denke, es ist die Aufgabe jedes Einzelnen hier auf der Erde, diese Welt besser zu machen. Gerechter, fairer und glücklicher für die Menschen. Wissen ist hier ein Mittel zum Zweck. Wenn ich wissenschaftliche Methoden anwenden kann, um Probleme im Alltag zu lösen, dann erfülle ich diese Aufgabe.

Wer kommt in den Medienhof? Die „Problemkids” oder die Motivierten?

Hier kommen diejenigen her, die Probleme in der Schule haben und aus diesen herauswachsen wollen, sie überwinden möchten. Die Schüler hier wollen Bildungserfolge feiern und etwas aus sich machen. Diejenigen, die all das nicht als wichtig erachten, kommen leider nicht zum Medienhof.

In welchen Fächern hattest du als Schüler damals Probleme?

Geschichte, Englisch, Biologie… allgemein in den Fächern, in denen man viel Lesen und Verstehen musste. Mir fehlte hier das Vokabular, die deutsche Sprache. Ich wusste schlichtweg nicht, was manche Wörter bedeuten, musste sie im Duden nachschlagen.

Du hast die meiste Zeit deines Lebens in Deutschland verbracht – wie würdest du dich selbst in einem Satz beschreiben?

Das ist eine schöne Frage, die ich mir selbst auch schon oft gestellt habe. Ich definiere mich als Deutschen Muslim. Meine Heimat ist Deutschland, ich bin hier zu Schule gegangen und fühle mich hier sehr wohl.

Das Interview führte Stefan Bubeck (Ströer Media)  im Auftrag von SprInt. Redigiert von Mascha Malburg.  Alle Rechte liegen bei Sprint (RAA)

 

 

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